Neue Entwicklungen bei Schaltanlagen, Motorstartern und Überspannungsschutz
Sicherer und kommunikativer
Im Sachsenwerk in Regensburg entwickelt und produziert Schneider Electric Mittelspannungsgeräte und -anlagen für Energieversorger, Kommunen und für industrielle Anlagen - so auch demnächst die SF6-freie Mittelspannungsschaltanlage GM AirSeT. In diesem Jahr fand am Standort an der Donau das alljährliche Presseevent statt, in dessen Rahmen der Automatisierungs- und Energiemanagement-Spezialist zahlreiche Neuheiten für den Schaltanlagenbau präsentierte.
Bild 1 | Die Okken-Niederspannungsschaltanlagen sind als vollständiges und modulares Energieverteilersystem und intelligentes Motor Control Center entworfen.
Bild 1 | Die Okken-Niederspannungsschaltanlagen sind als vollständiges und modulares Energieverteilersystem und intelligentes Motor Control Center entworfen.Bild: Schneider Electric GmbH

So erweitert der Konzern sein Sortiment für die Niederspannungsverteilung um die nächste Generation seiner Okken-Schaltanlagen. Ausgestattet mit neuen Funktionen und Features werden die für die Verteilung von elektrischer Energie (PCC) bis 7.300A und zum Schalten von Motoren (MCC) bis zu 250kW geeigneten Anlagen den Anforderungen an die Betriebssicherheit bei leistungsstarken Niederspannungsanwendungen gerecht. Die Niederspannungsschaltanlagen sind als vollständiges und modulares Energieverteilersystem und intelligentes Motor Control Center (Intelligent Power and Motor Control Center – iPMCC) entworfen. Das iPMCC ist eine Lösung zur Fehlervermeidung sowie für erweiterten Schutz und automatischen Neustart. Durch die neuen thermischen Sensoren zur Temperatur- und Feuchtigkeitsüberwachung wurde die Sicherheit und Zuverlässigkeit noch einmal verbessert. So verwendet das permanente thermische Überwachungssystem selbstversorgte und drahtlose Sensoren, die die Wartungszyklen verlängern und Sicherheitsrisiken wie elektrische Brände reduzieren. Integriert in die skalierbare EcoStruxure-Lösungsarchitektur, in der alle IoT-Feldgeräte, Steuerungen und Softwareanwendungen zur durchgängigen Kommunikation befähigt sind, können auch Schaltschrankdaten in Echtzeit über eine drahtlose Verbindung gesammelt und analysiert werden.

Drahtloser Sensor zur Brandvermeidung

Zudem gibt es mit PrismaSeT P eine neue Niederspannungsschaltanlage für die EcoStruxure-Power-Architektur. Ausgestattet mit IEC61439-1/2 typgeprüften Funktionseinheiten sowie dem optionalen PowerLogic HeatTag-Sensor reduziert die Schaltanlage das Risiko elektrischer Brände erheblich. Dank des modularen Aufbaus können die Schaltanlagen leicht modifiziert und je nach Bedarf beliebig um neue Funktionseinheiten erweitert werden. Um insbesondere eine mögliche Überhitzung von Kabeln aufzudecken, analysiert der drahtlose Sensor mithilfe eines intelligenten KI-Algorithmus kontinuierlich und in Echtzeit schwebende Gase und Partikel in der Luft. Wird eine Anomalie erkannt – und das bereits lange bevor es zu einer Rauchentwicklung oder einem elektrischen Brand kommt – erhält der Facility Manager sofort eine Warnmeldung auf dem Smartphone oder im Gebäudemanagementsystem.

Bild 2 | Die Schütze TeSys Deca verwenden hochwertige Kunststoffe für eine bessere Feuerbeständigkeit, wodurch sie die Norm EN60335-1 für elektrische Haushaltsanwendungen und die HLK-Industrie erfüllen.
Bild 2 | Die Schütze TeSys Deca verwenden hochwertige Kunststoffe für eine bessere Feuerbeständigkeit, wodurch sie die Norm EN60335-1 für elektrische Haushaltsanwendungen und die HLK-Industrie erfüllen.Bild: Schneider Electric GmbH

Schütze für den HLK-Bereich

Um den Anforderungen von Maschinen- und Schaltschrankbauern in den Bereichen Heizung, Lüftung, Klimatechnik (HLK), Elektrohausgeräte und Aufzüge sowie Industrien in rauen Umgebungen gerecht zu werden, hat Schneider Electric die ursprünglichen Motorstarter TeSys GV und TeSys D zur neuen Lösung TeSys Deca weiterentwickelt. Die neuen Schütze verwenden hochwertige Kunststoffe für eine bessere Feuerbeständigkeit, wodurch sie die Norm EN60335-1 für elektrische Haushaltsanwendungen und die HLK-Industrie erfüllen. Der verbesserte zusätzliche Front-Hilfskontakt wurde von 5 auf 1mA aufgewertet, um eine hohe Signalzuverlässigkeit in allen Anwendungen zu gewährleisten. Die rote Abdeckung erleichtert außerdem die Identifizierung der Sicherheitskette.

Überspannungsschutz mit integrierter Steuersicherung

Mit dem neuen Überspannungsableiter iPRF ZP erweitert der Anbieter sein Resi9-Sortiment im Bereich der Zählerplatztechnik. Der für die 40mm Sammelschiene entwickelte Blitzstrom- und Überspannungsableiter wurde neben den Prüfklassen 1 und 2 (Grobschutz Typ 1 und Mittelschutz Typ 2) auch nach Prüfklasse 3 (Feinschutz Typ 3) in einem akkreditierten VDE-Prüflabor zertifiziert. Besonderes Produktmerkmal ist die integrierte Steuersicherung. Diese ermöglicht eine noch schnellere Realisierung der Spannungsversorgung für den Abschlusspunkt Zählerplatz (APZ) und den Raum für Zusatzanwendung (RfZ) gemäß der TAR Niederspannung (VDE-AR-N 4100).

Markus Hettig: „Das Thema Service und Dienstleistungen in Form von bezahltem Consulting wird sowohl von Industrieunternehmen, als auch von Projektentwicklern im Gebäudesektor mehr als jemals zuvor nachgefragt.“ – Bild: Schneider Electric GmbH

Interview mit Markus Hettig, Vice President BuildingBusiness DACH bei Schneider Electric

Datenpunkte schaffen

Am Rande der Veranstaltung unterhielt sich SCHALTSCHRANKBAU-Chefredakteur Jürgen Wirtz mit Markus Hettig, Vice President Building Business DACH bei Schneider Electric, über die Entwicklungen der Branche in den letzten knapp zwei Jahren.

Herr Hettig, in den vergangenen fast zwei Jahren haben wir Pandemie-bedingt in vielen Bereichen einen Digitalisierungsschub erlebt. Gilt dies Ihren Erfahrungen nach auch für den Schaltanlagenbau?


Markus Hettig: Definitiv. Zunächst einmal wurde uns durch diese Ausnahmesituation deutlich vor Augen geführt, wie wichtig das Thema Fernwartung ist. Denn vielfach durften aufgrund von Corona Gebäude oder Firmenareale nicht betreten werden, oder das notwendige Service-Personal fiel krankheitsbedingt aus. Als Facility Manager möchte ich aber meine Immobilie weiterhin managen können, und als Verantwortlicher für eine Fertigungslinie oder als Energieversorger möchte ich wissen, wie es meinen Maschinen und Anlagen geht, um gegebenenfalls zu handeln. Ein weiterer wichtiger Digitalisierungs-Beschleuniger sind die enorm gestiegenen Energiepreise. Um Quartiere oder ganze Städte energetisch effizient betreiben zu können, benötigen die Verantwortlichen z.B. einen reibungslosen Datenaustausch zwischen Mittelspannungs- und Niederspannungsebene und weiter ins Gebäude. Die wechselseitige Kommunikation zwischen der Mittelspannungsschaltanlage des EVU und einer Niederspannungsschaltanlage regelt die IEC61850. Von der Niederspannung ins Gebäude gibt es dann drei maßgebliche Protokolle: KNX und den EEBus für den Wohnbau und Bacnet für den Zweckbau. Wichtig für diese Kommunikation ist aber, dass hierfür verschiedene Datenpunkte geschaffen werden, beispielsweise durch den Einbau von Smart Meter Gateways in die Niederspannungsschaltanlage. Ein dritter Punkt ist die in jüngster Zeit aufgekommene Frage, ob wir nach wie vor derart viele Bürogebäude brauchen. Konsens ist mittlerweile, dass wir tatsächlich nicht so viele, dafür aber deutlich smartere Gebäude benötigen. Auch hierfür bilden automatisierte Schaltanlagen und Software eine wichtige Grundlage.


Einer Ihrer Kollegen beleuchtete vorhin in einem Vortrag den CO2-Abdruck von Schneider Electric und konstatierte dabei, dass 90% der CO2-Emissionen deshalb zustande kämen, weil Kunden ihre Produkte nicht ausreichend effizient einsetzten. Bedeutet dies nicht im Umkehrschluss, dass die Hardware-Lösungen zur Digitalisierung mittlerweile ausreichend vorhanden sind, die Anwendung der Produkte aber noch zu wünschen übrig lässt. Gewinnen da nicht Beratungsdienstleistungen zunehmend an Bedeutung?


Hettig: Ja, ganz massiv. Das Thema Service und Dienstleistungen in Form von bezahltem Consulting wird sowohl von Industrieunternehmen, als auch von Projektentwicklern im Gebäudesektor mehr als jemals zuvor nachgefragt. Die Dienstleistungen, die wir dort erbringen, münden in einer Beratung mit einer neutralen Empfehlung im Hinblick auf die einzusetzenden Lösungen. Wichtige Bausteine bei dieser Beratung sind zudem unsere unterschiedlichen EcoStruxure Software-Tools, in die jede Menge Expertenwissen eingeflossen ist. Wenn ein Facility Manager beispielsweise mit dem Building Advisor arbeitet, muss er keine technischen Sachverhalte interpretieren, sondern er wird darauf hingewiesen, dass eine Anlage falsch eingestellt ist und erhält konkrete Handlungsempfehlungen. Daraus zieht er einen finanziellen Nutzen und reduziert zugleich seinen CO2-Ausstoß.


Wie sieht es mit dem Steuerungsbauer und dem Thema Digitalisierung aus?


Hettig: Auch der Steuerungsbauer kann seinen Kunden einen Mehrwert verkaufen, z.B. durch das Digital Logbook, d.h. der digitalen Dokumentation, die er in Form eines QR-Codes an seiner Schaltanlage befestigt. Mittels Cloud-Anbindung hat hier der Betreiber jederzeit Zugriff etwa auf Stromlaufpläne, Materialersatzteillisten, Wartungsempfehlungen, Bedienungsanleitungen, etc. Das Schöne daran: Ich kann tatsächlich auch nach zehn Jahren die Anlagentür öffnen, den QR-Code scannen und habe dann sofort die Dokumentation vorliegen. Aus der Praxis wissen wir, wie schwer es manchmal ist, nach einem Jahrzehnt z.B. die Stromlaufpläne wiederzufinden.


Verdunkelt werden die ausgesprochen positiven Zahlen der Branche durch teils dramatische Lieferengpässe bei Halbleitern, Kupfer, Aluminium oder Kunststoffen. Wie bedrohlich schätzen Sie dieses Problem ein?


Hettig: Es sind zwei Faktoren: Zum einen sind es die Lieferengpässe, die uns ausbremsen, und die Preissteigerungen sowohl bei den Rohstoffen, aber auch im Transportwesen. Wo früher ein 40t-Seecontainer ca. 2.000 US-Dollar gekostet hat, reden wir aktuell über 20.000 US-Dollar, also eine Verzehnfachung des Preises. Hinzu kommt, dass in der Pandemie Fertigungskapazitäten, z.B. im Stahlblech-Bereich, abgebaut wurden. Der Materialbedarf ist aber jetzt höher als in der Vor-Corona-Zeit. Damit gibt es auch im Stahlblech-Bereich Preissteigerungen, die seit dem Dezember letzten Jahres bis heute 70 bis 80% betragen. (jwz)

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