Dem Schaltschrankbau auf den Puls gefühlt

Bild 1 | Digitalisierung ist das große Zukunftsthema für den Schaltschrankbau in Deutschland.
Bild 1 | Digitalisierung ist das große Zukunftsthema für den Schaltschrankbau in Deutschland.Bild: Phoenix Contact Deutschland GmbH

Herr Dr. Bertelsmeier, eigentlich kennt doch jeder Schaltschrankbauer die täglichen Herausforderungen und Trends in der Branche. Welchen Mehrwert bringt eine solche Studie?

Natürlich hat jeder ein gewisses Grundgefühl für den Markt. Das hatten wir natürlich auch im Vorfeld der Studie. In den Ergebnissen hat sich dieses Grundgefühl auch größtenteils bestätigt und ist nun mit konkreten Zahlen untermauert worden, aber es trat auch viel Neues zutage. Bisher hat noch niemand in Deutschland in dieser Tiefe die zentralen Fragen untersucht und mit wissenschaftlichen Zahlen, Daten und Fakten belegt. Von der Frage „Wie kommuniziert der Schaltschrankbauer mit seinen Kunden und wie werden Daten ausgetauscht“ bis zu „Wie erfolgt die Fertigung und Endkontrolle eines Schaltschranks“ haben wir eine Detailtiefe, die bis dato keine andere Erhebung erreicht hat.

Die Branche ist ja sehr divers, und Sie konnten 50 ganz unterschiedliche Unternehmen für die Befragung gewinnen. Wie schwer war es, so viele Teilnehmer unter einen Hut zu bekommen?

Das war in der Tat kein Spaziergang und fängt schon mit der Definition an: Welche Unternehmen zählt man überhaupt zur Schaltschrankbaubranche? Im Rahmen der Erhebung wurden die Unternehmensformen des Schaltschrankbauers sowie des Maschinen- und Anlagenbauers unterschieden. In einer kleinen Vorstudie haben die Autoren mit fünf Firmen den Fragenkatalog geprüft und finalisiert. Auch die Methodik wurde innerhalb der Vorstudie getestet und geschärft, bevor im Jahr 2023 die Wissenschaftler auf die 50 Firmen zugegangen sind und ihre Befragungen durchgeführt haben. Die Interviews wurden vor Ort durchgeführt und beinhalteten auch eine vorherige Unternehmensbesichtigung. Die Studie bedeutete also schon einen hohen Aufwand – sowohl für die Wissenschaftler als auch für die Befragten. Im Gegenzug haben die Studienteilnehmer aber auch sehr frühzeitig Zugang zu den umfangreichen Studienergebnissen bekommen – die im Übrigen ein sehr aufschlussreiches Bild der Branche bieten.

Inwiefern aufschlussreich? Welche Bereiche haben die Wissenschaftler ganz konkret untersucht?

Sie haben sich beim Design der Studie im Prinzip an der Prozesskette im Schaltschrankbau entlanggehangelt – vom Engineering und der Projektierung über die Beschaffung und Produktion bis hin zur Auslieferung. So konnten sie den aktuellen Stand der Technik in der Branche anhand quantitativer Merkmale sehr detailliert erfassen. Der erste Teil der Studie ist bereits veröffentlicht: Er beschreibt die wichtigsten Kennzahlen der Branche, die Herausforderungen, die strategischen und technischen Trends, die durchschnittlichen Umsätze und Mitarbeiterzahl, die Bedeutung von Import und Export und viele weitere Kennzahlen.

Greifen wir doch mal einen Bereich heraus: Wo sehen deutsche Schaltschrankbauer sich mit großen Herausforderungen konfrontiert?

Materialengpässe sind ein wichtiger Punkt. Diese sind zu einem Teil sicher auch der „Nach-Corona-Zeit“ während der Befragung geschuldet. Aber auffällig war schon, dass nur ein Einziges von 50 Unternehmen im Schaltschrankbau keine Probleme mit Materialengpässen hatte – die 49 anderen hingegen schon. Ein Riesenthema ist für Schaltschrankbauer auch der Fachkräftemangel. Fast 90 Prozent sagen: Wir finden keine Leute. Sie versuchen dann über andere Stellschrauben, Lösungen zu finden, etwa, indem sie die Effizienz der Prozesse steigern, Verschwendung reduzieren, viel mit angelernten Kräften arbeiten. Da kommen dann etwa Lösungen wie Werkerassistenzsysteme ins Spiel. Platzmangel war auch ein Thema, das viele in der Branche beschäftigt, ein weiteres, für mich sehr interessantes Ergebnis: Trotz Platz- und Fachkräftemangel war die Auslagerung der Produktion ins Ausland für die allermeisten Schaltschrankbauer keine Option. Eine sehr standorttreue Branche also.

Apropos Fachkräftemangel: Viele der großen Zukunftstrends, die die Befragten angeben, stehen wahrscheinlich auch damit im Zusammenhang?

Sicherlich, die meisten Schaltschrankbauer denken über Automatisierungslösungen und Assistenzsysteme nach, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Als wichtigsten technologischen Trend gaben aber mehr als 90 Prozent der Befragten ganz allgemein die Digitalisierung des Engineerings und der Produktion an. 94 Prozent der Unternehmen wären bereit, die eigenen Prozesse zu verändern, wenn sie damit eine vollständige Digitalisierung des Schaltschrankbaus erreichen können. Die Unternehmen sind eigentlich immer mit einem Mix von Komponenten von unterschiedlichen Herstellern konfrontiert. Die Qualität der Daten ist daher auch immer unterschiedlich: Bei einem Hersteller müssen Schaltschrankbauer mehr nachbessern, bei anderen weniger, um eine gleichbleibende Datenqualität für ihre Anforderungen zu haben. Da sind Komponentenhersteller gefordert, gute Daten zu liefern.

Digitalisierung und Effizienzprozesse voranbringen, Fachkräfte- und Platzmangel: Das klingt nicht nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sondern eher nach Wachstumsschmerzen. Tangiert die derzeitige Lage den Schaltschrankbau so wenig?

Sicher spürt man heute in der Branche auch, dass in einigen Marktsegmenten wichtige Investitionen aufgeschoben oder zurückgefahren werden. Interessant ist aber, dass von den 50 befragten Unternehmen insgesamt 20 unterschiedliche Branchen beliefert werden. Und keiner der Befragten lieferte nur exklusiv in eine Branche, sondern immer in ein breites Feld. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum es den Schaltschrankbauern vergleichsweise gut geht: Sie haben sich nicht abhängig gemacht vom wirtschaftlichen Erfolg einer einzigen Branche.

Download und weitere Infos unter: www.phoenixcontact.com

Teil 1: veröffentlicht im Oktober 2024 mit Kennzahlen und Brancheneinblicken

Teil 2: Zahlen, Daten und Fakten zu Projektierung und Engineering, Veröffentlichung im 2. Quartal 2025

Teil 3: Kennzahlen und Details zur Produktion, Veröffentlichung im 4. Quartal 2025