Interview mit Markus Hettig

Öffnet die Systeme

Die Digitalisierung nimmt auch im Schaltanlagenbau Fahrt auf. Im Interview mit dem SCHALTSCHRANKBAU erläutert Markus Hettig, Vice President Building Business bei Schneider Electric, welche aktuellen Herausforderungen sich dadurch lösen lassen und wie sich Betriebe diesem Thema am besten widmen sollten. Zudem verrät er uns, warum für sein Unternehmen das Engagement auf offenen Plattformen so wichtig ist.
Bild 1 I Für Schaltanlagenbauer bietet Schneider Electric einen Self-Check zur Standortbestimmung in Sachen Digitalisierung.
Bild 1 I Für Schaltanlagenbauer bietet Schneider Electric einen Self-Check zur Standortbestimmung in Sachen Digitalisierung.Bild: Schneider Electric GmbH

Die Digitalisierung im Schaltschrankbau ist schon seit einiger Zeit das alles beherrschende Thema. Wie ist Ihrer Einschätzung nach der Stand der Dinge: Stellt sich das Gros der Schaltschrankbauer diesem Transformationsprozess? Vielleicht in diesen Zeiten umso mehr, wo doch bei Vielen aufgrund von Materialknappheit die Auftragsbearbeitung ins Stocken geraten ist?

Bild 2 I Die Integration der Schneider-Electric-Schaltgeräte in die Vamocad-Planungssoftware 
des Herstellers Sedotec ist ein Beispiel für eine bilaterale Kooperation.
Bild 2 I Die Integration der Schneider-Electric-Schaltgeräte in die Vamocad-Planungssoftware des Herstellers Sedotec ist ein Beispiel für eine bilaterale Kooperation. Bild: Sedotec GmbH & Co. KG

Markus Hettig: Zeit, sich diesem Thema zu widmen, ist gegenwärtig bei Vielen tatsächlich vorhanden, ebenso wie die Einsicht in die Notwendigkeit, dies zu tun. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass es immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte gibt, die in den Ruhestand gehen. Wenn aber ein Schaltschrank verdrahtet wird, liegt heute mehr denn je ein großer Fokus auf der Qualität bei gleichzeitiger hoher Verarbeitungsgeschwindigkeit. Ein Schaltanlagenbauer, der 30 Jahre Berufserfahrung hat, durfte dies alles gründlich von der Pike auf lernen. Diese Zeit räumt man den heutigen Auszubildenden nicht mehr ein. Also müssen diese digital unterstützt werden. Ein weiterer Aspekt ist die konsequente Entfernung manueller Schnittstellen im Schaltanlagenbau im Hinblick auf Effizienzgewinne und Qualitätssicherung. Beispiel Netzberechnung: Wenn ich diese bereits mithilfe eines entsprechenden Software-Tools erledigt habe, ist es völlig unnötig, alle Daten im Rahmen der Elektroplanung noch einmal manuell einzupflegen und mir darüber Gedanken zu machen, wie die Schaltanlage auszusehen hat. Die Schaltanlagenstruktur – Hauptverteilung, Unterverteilung, die darin enthaltenen Hauptlastgruppen – sind bereits Teil der Netzberechnung. Wir haben deshalb in Kooperation mit unseren Schwestergesellschaften unser Software-Angebot so ausgelegt, dass sich dieser Prozess von teilweise acht Stunden auf 30 Minuten reduzieren lässt. Zusätzlich werden auf diese Weise Fehlerquellen ausgeschaltet. Die Ende-zu-Ende-Durchgängigkeit von Datensätzen erreichen wir dabei durch die Verwendung offener Datenformate wie ECLASS Advanced. Datensätze einer Schaltanlage werden also von der Planung bis zur Übergabe an den Betreiber und darüber hinaus permanent und lückenlos angereichert. Auf diese Weise konnte auch unsere Zusammenarbeit mit dem Schaltanlagen-Anbieter Sedotec effizient auf die Beine gestellt werden.

Für viele Schaltanlagenbauer war die eigene Standortbestimmung beim Thema Digitalisierung bisher ein großer Hemmschuh. Nun bietet Schneider Electric einen sogenannten Self-Check an. Was steckt genau dahinter, und wie wurde dieser bisher angenommen?

Hettig: Der Self-Check hat sich aus den Gesprächen entwickelt, die wir mit Schaltanlagenbauern und Planern hatten. Grundgedanke war, dass wir Schaltanlagenbauern eine Gelegenheit der Selbsteinstufung geben wollten. Denn in der Regel setzt eine solche Selbsteinstufung ja eine Reflexion und intensive Beschäftigung mit dem eigenen Betrieb voraus. Eine wichtige Grundlage, um die nächsten Schritte gehen zu können. Im Anschluss daran erarbeiten wir dann zusammen mit den Schaltanlagenbauern gerne konkrete, individuell abgestimmte Lösungsvorschläge. Pauschal ist dies kaum sinnvoll. Wenn ich dem Kunden beispielsweise einen Lösungsvorschlag in Richtung digitalisierter Arbeitsplatz in der Verdrahtung machen würde, er sich aber nicht darüber bewusst ist, dass er vor der Elektroplanung eine Netzberechnung für seine Anlage anfertigen muss, hätte ich ihn am völlig falschen Punkt abgeholt. Unsere Idee ist es, den Kunden in seiner individuellen Situation abzuholen, um die nächste Stufe mit ihm gehen zu können. Die große Digitalisierungsansprache mit jeder Menge Schlagworte ist nicht zielführend, denn es geht, bildlich gesprochen, nicht darum, ohne Sauerstoffmaske den Mount Everest zu besteigen, sondern eher den kleinen Hügel nebenan. Nur so kann der Schaltschrankbauer seinen Betrieb weiter entwickeln, damit sich Investitionen für ihn auch rentieren.

Bild 3 I Gleichzeitig kann die Integration der Schaltgeräte in das Vamocon-System z.B. auch über die Software Caneco BT SE von Alpi erfolgen.
Bild 3 I Gleichzeitig kann die Integration der Schaltgeräte in das Vamocon-System z.B. auch über die Software Caneco BT SE von Alpi erfolgen.Bild: Schneider Electric GmbH

Sie erwähnten es eingangs schon kurz: Schneider Electric hat kürzlich seine Zusammenarbeit mit dem Schaltanlagenhersteller Sedotec im Hinblick auf die Integration von Schneider-Electric-Schaltgeräten in die Vamocon-Schaltanlagen intensiviert. Können Sie uns vielleicht etwas mehr über die Hintergründe sagen, und werden wir solche Kooperationen demnächst häufiger sehen?

Hettig: Sedotec hat mit der Vamocon-Schaltanlage in den letzten Jahren ein phantastisches System entwickelt. Natürlich stellen wir dem Markt z.B. mit unseren Prisma- oder Okken-Schaltanlagen eigene Systeme zur Verfügung und stehen damit auch in einem gewissen Wettbewerb zu Sedotec. Letztendlich sind wir bei Schneider Electric aber der Auffassung, dass es in der Entscheidung des Planers und des Schaltanlagenbauers liegen sollte, welches System er verarbeiten möchte. Es gibt einen Markt, den Sedotec in der Vergangenheit erfolgreich bearbeitet hat und für den das Unternehmen auch tolle Ideen für die Zukunft entwickelt. Daher haben wir uns die Frage gestellt, wie wir es unterstützen können, dass der Schaltanlagenbauer in einer reduzierten Planungszeit mit der Vamocon-Schaltanlage ein ähnliches Erlebnis hat, als würde er mit einer herstellergeschlossenen Planungsumgebung arbeiten. Daher haben wir eine Schnittstelle zwischen unseren Schaltschrank-Konfigurationsprogrammen entwickelt, die die Integration unserer Schaltgeräte in das Vamocon-System ohne Datenverlust und Mehraufwand ermöglicht. Bedeutet: Unsere Konfiguratoren, die Netzberechnungssoftware Caneco BT SE von Alpi sowie die Stromlaufplan-Software SEE Electrical von IGE+XAO – beides Schwesterunternehmen von Schneider Electric – sind kompatibel mit dem Sedotec-Konfigurator Vamocad. Planer und Schaltanlagenbauer haben so die freie Wahl, mit welchem Tool sie die Berechnung erstellen möchten. Für diese Zusammenarbeit waren offene Schnittstellen und Datenformate die essenzielle Grundlage. Wir sind eine ähnliche Kooperation mit dem Software-Anbieter WSCAD eingegangen, wo die Integration unserer thermischen Simulationslösung für unsere Gehäuse in dessen E-CAD-Lösung realisiert wurde. Wir beabsichtigen in absehbarer Zeit, die Daten, die wir bei diesen bilateralen Kooperationen erarbeitet haben, in irgendeiner Form zu vergemeinschaften, um solchen Anstrengungen einen Schub zu verleihen. Bei der zunehmenden Geschwindigkeit und Komplexität der Aufgaben im Schaltanlagenbau sollte sich kein Lösungsanbieter anmaßen, Herausforderungen im Alleingang bewältigen zu können. Modularität sowie offene Formate und Schnittstellen sind das gemeinsame Ökosystem, in dem Anbieter ihre Innovationen entwickeln können. Der Schaltanlagenbauer sollte Planungsfreiheit genießen und die Wahl haben, für welche Lösung er sich letztendlich entscheidet. Nur so können wir uns auf Dauer dem zunehmend härter werdenden internationalen Wettbewerb stellen.

Bild 4 I Unter anderem mit der Okken-Schaltanlage bietet Schneider Electric am Markt auch eigene Systeme. Bild: Schneider Electric GmbH

Auch sonst engagiert sich Schneider Electric sehr stark für eine Kultur der Kooperation und hat dafür entsprechende Plattformen geschaffen, sei es mit dem EcoXpert-Partnerprogramm oder mit Schneider Electric Exchange. Könnten Sie bitte erläutern, was hinter diesen Programmen steckt?

Hettig: Bei Exchange handelt es sich um eine offene Kollaborationsplattform – eine Community, in der auf kooperativer Basis Innovation stattfindet. Für uns stand dabei die Frage im Raum: Wo können sich Gleichgesinnte über das Thema Elektrotechnik austauschen? Unseres Wissens nach gab es da noch nichts, und somit haben wir die Exchange-Plattform ins Leben gerufen. Die Akteure sind Lösungsanbieter und Systemintegratoren, aber auch Entwickler, Startups oder OEMs. Dort kann beispielsweise ein Schaltschrankbauer in Deutschland für seine Anwendung die Lösung eines Systemintegrators aus Südafrika implementieren. Mittlerweile werden unter den Diskutanten auch Lösungen z.B. in Form von Software-Bibliotheken ausgetauscht. Bei EcoXpert handelt es sich um ein globales Partnerprogramm im Hinblick auf die Implementierung unseres Ökosystems EcoStruxure. Die EcoXpert-Partner, ein fachübergreifendes Netzwerk an Lösungsanbietern, werden dabei speziell von Schneider Electric geschult. Dort tauchen dann Fragen auf wie: „Wer hat schon mal den Wechselrichter XY des Herstellers Z eingebaut, und was muss ich dabei eventuell beachten?“ Solche Punkte werden dann live diskutiert. Dabei gibt es eine nationale Plattform, auf der typisch deutsche Inhalte und Fragestellungen auftauchen, aber auch eine englischsprachige, internationale Community. Zudem existiert die Möglichkeit, direkt mit Schneider-Electric-Kollegen zu chatten und etwa den Level 2-Support aus Ratingen oder den Level 3-Support aus Grenoble in Anspruch zu nehmen. Beide Plattformen – Exchange und EcoXpert – werden von Jahr zu Jahr stärker genutzt und ausgebaut.

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können", betont Markus Hettig im Gespräch mit SSB-Chefredakteur Jürgen Wirtz.
Bild 5 I „Bei der zunehmenden Geschwindigkeit und Komplexität der Aufgaben im Schaltanlagenbau sollte sich kein Lösungsanbieter anmaßen, Herausforderungen im Alleingang bewältigen zu können“, betont Markus Hettig im Gespräch mit SSB-Chefredakteur Jürgen Wirtz.Bild: Schneider Electric GmbH

Die genannten Foren sind sozusagen Schneider-eigene Initiativen. Schneider ist aber auch aktiv in Industrie-Allianzen wie Universal Automation oder der Industrial Twin Association. Wie wichtig sind solche Foren, in denen ja auch große Marktbegleiter versammelt sind?

Hettig: Sie sind extrem wichtig. Sehen Sie: Innerhalb der Plattform Industrie 4.0 haben wir 2014 mit RAMI 4.0 den Orientierungsrahmen für die Digitalisierung auf Basis von ECLASS Advanced entwickelt. Auch dies ist eine Gemeinschaftsanstrengung unterschiedlicher Akteure aus Unternehmen, Verbänden, Wissenschaft usw. Solche Systeme sind letztendlich das, was der Kunde braucht, ob nun Planer, Schaltanlagenbauer oder Gebäude-Nutzer. Unser CEO Jean-Pascal Tricoire hat uns bereits 2008 als oberste Losung ausgegeben: Öffnet die Systeme, stellt euch dem Wettbewerb – proprietär ist Schrott! Der Kunde wird am Ende entscheiden, auf welche Lösung er zurückgreifen möchte. Um sich dem globalen Wettbewerb, beispielsweise aus Fernost, zu stellen, sind diese Allianzen von großer Bedeutung. Nehmen Sie als Beispiel die Industrial Digital Twin Association, die stark industriegeprägt ist: Für den Gebäudesektor übernehmen wir heute Ideen aus der IDTA, aber auch umgekehrt. Durch die Arbeit und das Engagement in diesen Plattformen können wir als Schneider Electric ein viel besseres Gefühl und Verständnis dafür entwickeln, was der Markt eigentlich braucht. Und so können wir unseren Produkten, die ja häufig sowohl in der Industrie als auch im Gebäude eingesetzt werden, die Informationen mitgeben, die in beiden Welten benötigt werden. Daher stecken wir erheblichen Aufwand und viel Manpower in diese Themen. Wir haben definitiv den Anspruch, in solchen Organisationen nicht nur dazusitzen und zuzuhören, sondern mitzuarbeiten und zu gestalten. (jwz)

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